Mein Vortrag auf Wendelgard

Nehmen wir mal an, das Ganze wäre ein Spiel, dann frag ich euch,

wie lange noch, wollt ihr untätig herumsitzen, um es nicht ernst zu nehmen?



Gefällt es euch so sehr, mir armen blindem Manne zuzuschauen, der ich angewiesen bin auf eure Augen und euch auf diese Weise eurer Pflicht zu entziehen, etwas zu unternehmen, da ihr doch seht und ich nicht?


Der Mensch liebt seine eigene Meinung so sehr, dass er sie lieber auf unfestem Grunde baut, als im Zweifel zu verharren. Etwaige Projektionen, die wir benützen, um unsere Meinung zu illustrieren und jetzt erhebe ich meine Stimme zu denen, die mich hören, führen zu Gewohnheiten des Geistes, die immer wieder verzerrte Ergebnisse produzieren. Diese Gewohnheiten seien es womöglich, die unterschiedliche Meinungen zu jedem Thema erzeugten, obwohl die eine Hälfte der natürlichen Wirklichkeit und die verborgene Hälfte ebenfalls, sich immer und allen gleich und ganz zeigten.


Da ihr aber in diesem Punkte eine allgemeine Schwäche fühlt, die euch nun nicht immer und überall den Unterschied von Wirklichkeit und Realitäten durchschauen lässt, unterscheidet sich eure Beurteilung der Situation nicht nur all zu oft von der eures Nachbarn, sondern auch von der Wahrheit.

Welche Meinung nun von diesem Raum, der uns enthält, wäre im Stande uns in Bewegung zu versetzen und nicht des Todes harrend fortwährend eine vermeintliche Bescheidenheit an den Tag zu legen, indem wir lieber glauben, es handele sich um ein Schauspiel, dem wir folgenlos beizuwohnen gedenken.


Jetzt sahen mich die Zuhörer, derer ich mir ja nicht sicher sein konnte stumm an und es schien, als hätte niemand eine Frage, so fuhr ich fort:


Ich allerdings kenne das Übel, welches sich so unauffällig und unscheinbar gebärdet, dass es Jahrhunderte lang unentdeckt blieb und man nicht einmal was von ihm ahnte: Die Trägheit. Jawohl, die Trägheit.


Ich spürte, wie dieses Wort jeden im Raum direkt traf und erschauern ließ. Ein Wort, welches nicht durch seine Bedeutung, sondern durch sein maßgeblichen Einfluss auf alles zukünftige an Ausmaß gewinnt.

Die Trägheit, die Newton entdeckte und in die Welt brachte, hatte die Auffassung aller Mechanik restlos verändert. Von mir unbemerkt, setzten sich nun einige meiner Zuhörer wieder auf. Wohl weil sie meinten, nun erst wieder zu wissen, worum es heute eigentlich ging.

Jedes und Alles, erinnere ich noch einmal, will bleiben, in dem Zustand, in dem es sich befindet. Natürlich nur solange keine neue Kraft auf ihn oder es wirkt.

Aber und diesen Gedanken will ich noch verschwenden, nichts bleibt in dem Zustande, indem es sich befindet, aber alles bleibt in dem Zustande, indem sich nichts befindet.

Werde daraus schlau wer will, meine komplette Hörerschaft schien daran zu zweifeln.

Hier nun machte ich eine Pause, da ich zur Probe musste, aber ich werde nächste Woche gleichwohl an dieser Stelle fortfahren…


Da ich nun noch unter euch weile, so fällt natürlich auch der berühmte Apfel so lange weiter, bis sich ihm die ganze Welt mit aller Kraft entgegenstellt und ihn bremst. Und das, so folgerte ich nicht kühn, sondern schlicht und ergreifend klar, gilt nicht nur für die Materie, sondern auch für den Geist.

Diese Überlagerung von Newtons Naturgesetz und dem menschlichen Geist, gab ich schweigend zu, sei sogar komisch. Denn war der Tölpel je bereit, seine Dummheit aufzugeben, um in Bewegung zu geraten? Wie der Schäfer Magnus sitze er doch lieber auf dem kargen Stein und sein Versuch sich fortzubewegen sei mühsam und fruchtlos, von einer Kraft festgehalten, auf die er keinen Einfluss ausübe. Hier hielt ich keineswegs inne und fuhr mit einer ruhigen Stimme fort, es müsse wohl die Apathie ihre Flügel über uns ausgebreitet haben, dieser Agent der Angst, der uns in Schmerzlosigkeit taucht.


Jetzt wirkte ich erschöpft auf meine Zuhörer, wenngleich auch zufrieden und alle fragten sich in diesem Moment, wie es wohl weiter ginge, oder was nun daraus folgte.

Ich regte abschliessend die Frage an, warum es so viel mehr Trägheit als Bewegung in der geistigen Welt gebe, wo es doch in der materiellen genau umgekehrt sei.

Dies war übrigens der einzige Vortrag in der Geschichte der University of Cambridge, der je ohne Applaus und ohne dass eine Frage gestellt worden wäre zu Ende ging.


Nehmen wir nun einmal an, das Ganze wäre kein Spiel, dann frag ich jetzt, wie lange noch

wollt ihr wohl untätig zuschauen, weit entfernt von einem Ausgang und jetzt stand ich auf und fügte fast schweigend hinzu: der sich in nicht all zu ferner Zukunft auf ewig für euch verschliessen wird.


Die zukünftige Mensch/Maschine/Einheit blätterte in ihren Programmheften. Sie wollte wissen, worum es ging. Das Rauschen des Papiers drang wie Schreie der Verzweiflung durch meine Stäbe.

Solange sie ihre Gewissheit in Programmheften sucht, wird sie sie auch nicht finden.

Im Gegenteil, auf diese Art und Weise wird sie sie vernichten.


Was glaubt ihr, hub ich erneut an ohne aufzusehen, dass ihr euch ausserhalb des Raumes befindet, indem auch ich ein Gefangener bin? Ausserhalb des Systems, welches euch das Notwendige unter Triebverzicht abverlangt? Ja, wähnt ihr euch gar ausserhalb des Universums, weil ihr aus dessen Schoß gekrochen seid? Ihr seid, ob ihr es nun begreift oder nicht hineingefallen und nicht heraus.

Und nun kam ich, ohne Raum für eine Zwischenfrage zu lassen, auf das Gefängnis des Geistes zu sprechen, dem zu entkommen die Aufgabe jeder zukünftigen Mensch/Maschine/Einheit wäre.


Glaubt ihr tatsächlich, man würde eine Aufgabe lösen, indem man sie vermeidet zu stellen?

....


Doch wie sollen wir aus dem "kollektiven Unterbewußten", dem von Jung so bezeichneten Archetypus, welcher bei Freud bereits als Mythos existierte, schöpfen, wenn es doch unterbewußt ist? Sie haben natürlich Recht und ich muss zugeben, wir gehen dieser Frage mehr nach als dem Material.

Grundsätzlich würde ich davon ausgehen, und damit kam ich zur eigentlichen Frage zurück, dass die stillschweigende Betrachtung des Kunstwerkes nicht unbedingt Bewußtsein voraussetzt, aber durchaus nach sich ziehen kann.


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