Das Zuschaueropfer

Die erste Reihe in meinem Theater ist nie verkauft und ich kann ihnen auch sagen warum: Weil ich vor dreissig Jahren bereit war, einen einzigen Zuschauer zu opfern, um viele zu retten. Nun, das sprach sich rum.


Der Mann lag also vor mir im Sand, welches sein Nasenblut auffing und ich konnte in all die Augen schauen, die auf uns gerichtet waren.

Die Fragen lesen, die durch ihre Köpfe gingen. Einige versuchten Referenzen herzustellen, mit dem Ergebnis, dass sie so etwas noch nie im Theater erlebt hatten.

Für die fing der Abend erst mal gut an. Der weitere Verlauf würde uns das schon aufklären, dachten andere. Und obwohl sie ja alles über Theater zu wissen glaubten, waren sie doch überrascht und ein Kribbeln ging durch die Reihen.

Das entscheidende aber war, niemand hielt es für nötig, dem geprügelten Zuschauer zur Seite zu springen, einen Arzt zu rufen, oder mich in irgendeiner Weise an irgendetwas zu hindern. Sie waren so überzeugt davon, dass es eine inszenierte Variante des Unbegreiflichen war, dem sie da beiwohnten, dass ihre Gewissheit niemals wankte. Die Gewissheit, die da sagte: Im Theater sind wir sicher. Die Verstörung setzte erst ein, als das Stück an dieser Stelle schloss, der Vorhang sich senkte und ich, ohne Applaus abzuwarten in meiner Garderobe verschwand.

Ich hatte die Grenzen des Theaters von innen heraus in Frage gestellt und nichts anderes erwarte ich, dass sie es mit ihrer Wirklichkeit mir gleichtun.



Die Finanzierung des Theaters ist einfach:

Wenn sie in das Theater kommen, um sich dem Risiko der geistigen Befreiung auszusetzen, kostet das 20 Cent für jeden. Wenn sie nicht kommen, kostet das 40 Cent.


Ich weiß, dass das Desinteresse an einer Befreiung des Menschen durch den Menschen, weit grösser ist, als das ihr entgegengebrachte Interesse.

Die Unterhaltungsindustrie im Plastezeitalter hatte sich absichtsvoll ein falsches Ziel gesteckt.

Es erforschte unsere niederen Instinkte, um daran zu verdienen, so wie die plastische Chirurgie, oder die Energiekonzerne, da sie Wärme und Strom an uns verkaufen, solange wir glauben, dafür bezahlen zu müssen.

Ich sehe den Zuschauer nur noch hinter den Gittern einer ablenkenden Unterhaltung verweilen.


Wo gehobelt wird, da fallen auch Späne.

Muss man nicht also auch einen einzigen Zuschauer opfern können, um die andern damit zu retten? Oder muss man sie alle in den Untergang rennen lassen, damit man kein Blut an den Händen hat? Unser dualistisches Weltbild hat dafür keine Lösung und deshalb ist das auch ein Auslaufmodell. Es wird sie gar nicht in die Zukunft tragen, grad vielleicht noch bis nach Hause. Was ist denn das für eine Aussicht?


Aber jetzt mal im Ernst. Wir Theaterleute reden uns selbst ja ne Menge Zeugs ein, aber ich habe natürlich in meiner ganzen Laufbahn als Regisseur noch keinen einzigen Zuschauer geopfert und dadurch wahrscheinlich auch keinen gerettet.

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