Die Beobachter


Die Entdeckung des Beobachters in der Wissenschaft hat eine große intellektuelle Faszination ausgelöst. Diese Faszination besteht darin, dass Blindheit und Einsicht aller kognitiven Prozesse des Menschen nur eine Seite einer Medaille darstellen, deren andere Seite wir nicht kennen.

Wir wechseln quasi zwischen Blindheit und Einsicht hin und her, während wir Systeme, Sachverhalte oder Umwelt beobachten. Für gewöhnlich befinden wir uns dabei ausserhalb des zu beobachtenden Systems. Das ist für die meisten Beobachtungen völlig ausreichend.

Erst durch die Beobachtungen 2. Ordnung (ein Begriff aus der Kybernetik) , nämlich der Beobachtungen von Beobachtungen, wird ersichtlich, wie subjektiv Beobachtungen 1. Ordnung sind, da der Beobachter nicht sehen kann, was er nicht sieht. Das Problem liegt aber noch tiefer, da, wie Heinz von Foerster bündig formuliert, „der Beobachter nicht sieht, daß er nicht sieht, was er nicht sieht.“

Ich habe dazu bereits ein Beispiel geliefert, welches dieses Phänomen deutlich macht.

Teilchen, welche die Farbe, Form und Geschwindigkeit ändern, weil sie auf die Messung reagieren. Was wir also fotografieren und interpretieren, befindet sich nur in dem beobachtbaren Zustand, weil wir es beobachten. Daraus folgt, daß Dinge, die wir erforschen wollen, grundsätzlich im Dunkeln liegen und durch die Messung selbst das Ergebnis beeinflußt wird. Man könnte auch sagen, die Grundlage unserer Theorien über beobachtbare Systeme, sind Stresszustände jener Systeme und Sachverhalte.

Das Wort Theorie stammt übrigens aus dem Griechischen. (theoria: die Anschauung, Einsicht, Betrachtung) Der Zuschauer im Theater ist also ein Theoretiker. Durch seine Anwesenheit wird das Theaterstück betrachtet, gemessen und beurteilt. Aber auch die Zuschauer sehen es nicht in dem Zustand, indem es sich befände, wenn der Saal leer wäre. Die Stresssituation für Darsteller auf der Bühne, innerhalb des Systems, welches beobachtet wird, ändert sich augenblicklich mit dem öffnen des Vorhangs.

Die Einflussnahme des Betrachters auf das Kunstwerk ist enorm groß. Das setzt natürlich voraus, dass Darsteller ein Bewusstsein von der Anwesenheit des Zuschauers haben, genauso wie ein Teilchen auf Licht reagieren wird. Das biologische System der Darsteller auf der Bühne wird in Stress versetzt. Was der Zuschauer jetzt zu sehen bekommt, entstand durch seine Beobachtung. Ich habe oft genug selbst erlebt, dass sich das Problem, warum ich in eine Probe gerufen wurde, gar nicht zeigt, weil eben der Schauspieldirektor anwesend ist und eine ganz neue Stresssituation entsteht.


Die zirkuläre Wechselwirkung von Bühne und Zuschauerraum ist damit hinreichend erklärt.

Was bedeutet das aber für das Theater? Es bedeutet, daß das Sender/Empfängerverhältnis nicht mehr eine Einbahnstrasse sein kann. Es zirkuliert. Auch der Beobachter wird zu einem Sender, durch bloße Anwesenheit. Sogar seine Anzahl im Zuschauerraum, wird Einfluß nehmen auf den heutigen Abend. Dagegen wird der Bühnenkünstler auch zum Empfänger von Signalen aus dem Zuschauerraum. Wir erfahren das durch die zunehmende Interaktivität des Zuschauers in der Kommunikation mit der Bühne. Ein Umstand, der schon immer existierte und auch seine Wirkung tat, aber nicht in unser Bewusstsein drang. Der Zuschauer weiß meiner Ansicht nach bis heute nicht, welchen Einfluß er besitzt und auf welche wundersame Weise er einen grossen Anteil am Gelingen des Abends hat. Ja, er schreibt das Stück aus seiner subjektiven Beobachterposition sogar neu. Keine Assoziation, keine Interpretation und auch kein Verständnis oder Unverständnis in ihm, ist dem seines Nachbarn im Theatersaal gleich. Was er sich denkend erschliesst, zu welcher Einsicht er kommt und welche Denkräume er überhaupt beansprucht, all das nimmt Einfluß auf seinen ganz persönlichen Verarbeitungsprozess von Informationen.

Natürlich muss er in diesem Fall auch die Verantwortung dafür übernehmen, was er gesehen hat. Aber da das Theater immer noch Geld kostet und er daher glaubt, die Aufgabe, ihn in Bewegung zu versetzen für sein Geld, wäre ganz auf der Seite der Bühne, wird er in seiner Konsumentenrolle verharren. Um Produzent der Stücke zu werden, die er sieht, muss er sich erst seiner bewußt werden.

Wenn man erst einmal verstanden hat, daß die Bedeutung dessen, was man auf der Bühne zu hören bekommt, nicht beim Sprecher entsteht, sondern beim Hörer, wird man auch dem Gedanken der Autorenschaft des Betrachters mühelos folgen können. Und da wir uns immer noch in einem Modell der von uns konstruierten Wirklichkeit befinden, haben wir auch Einfluss auf diese Wirklichkeit und können sie unseren Bedürfnissen anpassen und das lediglich dadurch, dass wir die Verhältnisse ändern. In unserem Fall die Verhältnisse bei der Betrachtung des Kommunikationssystems Theater und die Entwicklung der beiden zirkulären Dialogpartner - Bühne und Zuschauerraum. Die Folgen für die Kunst habe ich ja schon an vielen anderen Stellen beschrieben, praktiziert und natürlich auch beschworen.



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