Chance vertan?

Die KünstlerRepublik Staatstheater Cottbus


Wenn wir sie heute ausrufen würden, was würde passieren? Eine hochinteressante Frage.

Das menschliche Kraftwerk Theater ist ein Produzent ständig erneuerbarer Energie.

Diese Energie besteht aus Lebensmut, Geschichtsbewusstsein, utopisches Denken und der Erweiterung des Wahrnehmungshorizonts, egal ob sie sich über Töne, Worte oder Bilder überträgt. Dadurch bleiben wir im Gespräch über die Dinge die uns bewegen. Wenn wir modellhaft vorführen, wie Gesellschaften sich verändern und was sie hervorgebracht haben, wie können wir selbst unbeeindruckt davon sein? Müssen wir nicht die humanistischen Werte, die wir in den Werken von Autoren, Komponisten und bildenden Künstlern vorfinden, nicht auch verteidigen können und noch bevor wir sie dem Publikum zur Interpretation überlassen, uns selbst daran messen?

Am Cottbuser Staatstheater hat das Stiftungskonstrukt in der Bewältigung einer über Jahre entstandenen Krisensituation grandios versagt.

Machtmissbrauch wurde bewusst oder sogar unbewusst sanktioniert.

Das konnte wohl nur passieren, weil eben diejenigen, die mit Macht und Verantwortung ausgestattet sind, selbst der Verführung der Macht erlagen und so die Vorfälle im Musiktheater bagatellisierten.

Im Ergebnis liegt nun wohl ein Systemfehler vor, den man und das wäre meine Bitte, schnellstmöglich korrigieren möge.

Zum einen muss man sich fragen, warum es der Führungsspitze im Theater so schwer fiel, klar und deutlich zu artikulieren, dass Machtmissbrauch, Respektlosigkeit im Umgang miteinander und Arbeitsmethoden, die Leistungsdruck durch Angst, Agressivität und unbedingten Gehorsam erzeugten, nicht in ein modernes humanistisches Weltbild passen. Zulange wurde an der „Immunität“ eines Direktors festgehalten, weil der „Erfolg beim Publikum“ zu verführerisch war, aber eben auf Kosten der Menschen, die diesen Erfolg ermöglichten. Für mich ist Erfolg erst, wenn man alle mitnehmen kann, auch die Künstler und Mitarbeiter des Hauses.

Zum anderen wurde durch diese Unterlassung verantwortungslos gegenüber der Belegschaft des Theaters agiert und da ist es nun wurscht in welcher Sparte oder Abteilung das passiert, wenn sich Mitarbeiter des Hauses nun ungeschützt persönlichen Angriffen durch eine Führungskraft ausgesetzt sahen.

Gleichzeitig werden alle inhaltlichen Ansprüche auf der Bühne, die zivilcouragiertes Denken im Kampf um ein menschliches Miteinander in eine künstlerische Form gegossen haben, ad Absurdum geführt und muten wie Heuchelei an. Wenn wir nicht hinter dem stehen können, was wir auf die Bühne bringen, sollten wir die Klappe halten und uns still und beschämt zurückziehen aus dem Beruf.

Verzichten wir gemeinsam auf die Doktrin der Zahlen! Weder die Höhe der Einnahmen, noch die Zuschauerzahlen können uns etwas darüber sagen, wie weit wir mit uns selbst gekommen sind.

Die Kunst, die ich mir wünsche, entsteht nicht auf einer Einbahnstraße über Anweisungen von oben nach unten, nicht über ein „Erzwingen“, sondern über ein „Ermöglichen“.

Nicht Angst erzeugend, sondern angstbefreit.

Das Theater sollte einer der gesellschaftlichen Orte sein, wo um mutige Denk- und Lebensentwürfe im Dialog gerungen wird, ohne sich von der Wirklichkeit zu entfernen.

Wir durchforsten das über Jahrhunderte entstandene Netzwerk von Texten, Bildern und Tönen, auf der Suche nach eigenen Positionen, die über unsere Gegenwart hinaus tragfähig sein könnten - die uns emotional, wie auch geistig bewegen. Was für eine grossartige Arbeit!

Aber was nutzt das alles, wenn wir unseren Platz an einer der Schlüsselstellen der Kultur nur für unsere kurzlebige Karriere benutzen, ohne uns selbst dabei von überholtem feudalen Denken zu emanzipieren? Das Krümmen des Rückens vor einem Vorgesetzten, mit der damit einhergehenden Heuchelei, um seinen eigenen Arbeitsplatz zu sichern, ist dabei genauso kontraproduktiv, wie die selbstherrliche Ausbeutung dieser Abhängigkeit durch machthungrige Despoten oder auch Despotinnen. Wir sind keine Kultursklaven der Politik. Wir sollten uns auch nicht darauf konditionieren lassen, unseren Beruf so lange wie möglich ohne das Recht auf kritische Hinterfragung unserer Arbeitsbedingungen auszuhalten.

Das Theater ist einer der schönsten Arbeitsplätze auf der Welt. Aber es wird sich nur weiterentwickeln können, durch die, die in ihm arbeiten. Wie dringlich und überlebensnotwendig die freie Entwicklung von Kunst und Kultur für die Bewusstseinsbildung der Gemeinschaft in Zukunft sich erweisen wird, ist der Politik und auch grossen Teilen unserer Zuschauerschaft womöglich noch gar nicht bewusst. Es scheint sich die Ansicht durchgesetzt zu haben, Theater wäre ausschliesslich als Instrument der Unterhaltung im Plastezeitalter zu gebrauchen. Reicht das wirklich aus?

Denken und Mitdenken befreit uns von dem Ballast der Routinen, die sich verselbständigt haben. Doch diese Freiheit bedeutet auch Verantwortung. Wenn wir so weit sind, brauchen wir keine Einbahnstrassenhierarchie mehr auf der Intendanzebene. Die Miteinbeziehung der Vertreter der Sparten in die Leitungsarbeit, im Besonderen da, wo sie ihre eigene Zukunft betrifft, sorgt auf ganz natürliche Weise dafür, dass die Interessen ihrer Kollegen anwesend sind und sich auch in den Entscheidungen der Theaterleitung manifestieren können.

Das wird in gerechtere Bezahlung, in selbstkritische Unterbindung aller menschenverachtenden Giftstoffe und notwendigerweise auch in eine längst überfällige Aufwertung feministischer Ansprüche an eine noch immer männerdominierte Denk- und Weltanschauung münden.

Das Recht auf Mitbestimmung, das Recht auf Angstfreiheit und der unbedingte Wille, die Welt durch sein eigenes Dazutun etwas besser zu machen, als sie ist, würde schon ausreichen, um sich vorstellen zu können, was „Verantwortung durch Freiheit“ bedeutet.

Ich will nicht zurückfallen, hinter etwas, was ich schon denken konnte.

Ich verzichte auf jeden Erfolg, der nur durch die Knute möglich wurde. Um der Kunst zu einem menschlichen Antlitz zu verhelfen, sollten auch alle daran Beteiligten unter menschenwürdigen Bedingungen arbeiten können.

Wie der emotionale Verlauf des Aufbegehrens von Künstlern des Cottbuser Musiktheaters belegt, ist es unbedingt notwendig, dass die Stimme der an einem Theater beschäftigten Künstler nicht mehr überhört wird, wenn es um seine Zukunft geht. Dafür sollten wir gemeinsam sorgen.

Es führen viele Wege nach Rom. Der aller schlechteste ist wohl der, der den eigenen Glanz über den der Menschen stellt, von dem eben dieser Glanz abhängig ist.

Nachdem es nun keiner gesonderten Erklärung mehr bedarf, festzustellen, dass die Theaterleitung sich geschlossen vor seine Mitarbeiter stellt, um sie in Zukunft besser vor verbalen wie körperlichen Übergriffen durch Vorgesetzte zu schützen, sollte auch eingestanden werden, dass die Verantwortung der Theaterleitung diesbezüglich nur in unzureichendem Ausmaß wahrgenommen wurde. Die Frühwarnsysteme waren aber ebenfalls nicht ausreichend entwickelt, so daß in Zukunft dafür Sorge getragen werden muss, dass sich Mitarbeiter, die sich gemobbt, beleidigt oder sonst wie diskriminiert fühlen, auch Anlaufstellen im Haus finden, die sie ohne Angst vor weiteren Repressalien in Anspruch nehmen können. Zur doppelten Absicherung sollten gleich mehrere Adressen in unterschiedlichen Gremien zur Verfügung stehen. So kann sich die Theaterleitung, sowie der Personalrat oder eine Vertrauensperson der Sparte des Problems annehmen, um auf schnellstem Weg ein Handeln der Verantwortlichen zu erzwingen.

Wenn die internen Dienstwege verstopft scheinen, müssen wir auch damit leben, dass andere Wege gefunden werden, um auf einen Missstand aufmerksam zu machen.

Am Ende dürfen wir uns alle dafür bedanken, denn das Problem sind nicht die Künstler, die es wagten an die Öffentlichkeit zu treten, sondern ein System, welches womöglich nur unterentwickelte Sensoren für die Sorgen und Nöte seiner abhängig Beschäftigten zur Verfügung stellte und damit das System selbst schützte und nicht die in ihm arbeitenden Menschen.

Die Übertretung etwaiger interner Regeln und Vorschriften, hätte in einem solchen Fall nicht zur Verfolgung und Bestrafung des Einzelnen führen dürfen, sondern zur sofortigen gründlichen Untersuchung der alarmierenden Vorwürfe durch die Theaterleitung. In diesen Prozess sollte unbedingt der künstlerische Personalrat mit einbezogen werden, um die Interessen der betroffenen Künstler zu vertreten. Ziviler Ungehorsam ist immer dann ein überzeugendes Mittel, um Missstände öffentlich zu machen, wenn die Politik versagt und ihrem Wesen gemäß, alles unter den Teppich kehrt, was die eigene Bilanz beschädigen könnte. Auch da wären Menschen mit mehr Mut gefragt.

Selbstherrliches und respektloses menschliches Verhalten anderen gegenüber, ist also nur ein Feld unter vielen, die wir in Zukunft besser in den Focus rücken sollten, muss aber unabhängig von der Position des Einzelnen ebenso abmahnbar sein, wie Disziplinlosigkeit und Bequemlichkeit auf der künstlerischen Seite der Zusammenarbeit. Ich wüsste nicht, wie wir anders zu künstlerischen Höchstleistungen, ohne militanten Drill und menschenverachtenden Methoden kommen könnten.

Wenn wir uns aber darüber einig wären, dass wir die künstlerischen Ziele nicht auf Kosten des Selbstwertgefühls der beteiligten Künstler und Mitarbeiter erzwingen wollen, dann wird auch in Zukunft kein in Statuten fixierter Verhaltenskodex notwendig sein. Es reicht, dass wir bei der Auswahl unserer künstlerischen „Zugpferde“ nicht nur auf die künstlerische Ausstrahlkraft, sondern auch auf die menschliche Kompetenz setzen und beides zur Bedingung machen, sobald es um eine dem Einzelnen anvertraute Machtposition geht, in dessen Abhängigkeit sich andere befinden.


(Jo Fabian April 2018)