Ressentiments im Theater

Aktualisiert: 13. Dez. 2021

„Ressentiments“ sind Einwände, die nicht laut werden - heimliche Einwände.

Da sie aber verborgen werden, können sie auch nicht in die Auseinandersetzung eingehen. Unausgesprochen, unausgelebt, aufgespart und aufgestaut, sammeln sie sich zu einem Klumpen nicht verwirklichter Entladung.

Ressentiments schaffen also zwangsläufig „negative Wirklichkeit“. Da wir aber wissen, das auch ausbleibende Ereignisse Einfluss nehmen auf die Geschichte, muss man sie also ernst nehmen und als mögliche verborgene Ursache für Unverständliches in unserem Verhalten zu Rate ziehen.


Im Theater ist das Ressentiment in die Zuschauerposition integriert. Man geht sogar im allgemeinen davon aus, dass der Zuschauer seine Ressentiments bewusst oder unbewusst erzeugt, pflegt und auf eine Spätwirkung hin mit sich herumschleppt.

Die Bühne beansprucht eine Position der Überlegenheit. Eine Position des Wissens, der Aufklärung, der Durchdrungenheit und Übermoral.

Der Zuschauer hingegen kann verstehen oder nicht verstehen. Er kann unterscheiden zwischen Gefallen und Nichtgefallen. Er kann sich persönlich angegriffen fühlen, oder ‚nicht gemeint sein‘. Er könnte sogar in die zweifelhafte Position investieren, alles besser zu wissen. Er kann etwas durchschauen, oder nicht durchschauen. Er kann sich langweilen, oder sich unterhalten.

Falls er beleidigt wird oder es schon ist, entlarvt, überfordert und verärgert, so wird er diese Gefühle entweder aufgestaut mit aus dem Theater hinausnehmen und kann sich nun überlegen, wohin damit, oder er wird vom Theater beglückt, befriedigt, hofiert und gebauchpinselt und wird so seine Skepsis zu Gunsten der Unterhaltung aufgeben oder zumindest unterdrücken.

Er kann aber in allen Fällen nicht übergehen, dass das Gesehene Auswirkungen auf seinen Gemütszustand zeitigt. Es ist wie eine Aufladung, mit noch nicht vorherbestimmter Energieentladungsrichtung.

Wenn der Fall eintritt, dass es nicht zur Entladung kommt, bevor er in den nächsten Konflikt dieser Art gerät, bilden sich Stauzustände heraus, die bis zur Manifestation und dadurch zum Ressentiment führen und dieses Ressentiment wird so verantwortlich für die Aufnahmebereitschaft oder die fehlende Aufnahmebereitschaft im Moment des erneuten Theaterbesuchs.

Kein Zuschauer geht ohne Ressentiments ins Theater.

Der Künstler kommuniziert in gewisser Hinsicht mit Menschen, die aufgeladen sind, die mit einer Vielzahl von posttraumatischen Ressentiments aufgeladen sind. Würde er davon ausgehen, der Zuschauer ist offen, leer und groß im Geiste, so liegt er falsch und braucht sich also über den ausbleibenden Effekt seiner Gedankenexperimente, der die Unvoreingenommenheit des Zuschauers voraussetzt, nicht zu wundern.

Im Theater trifft der "Übermensch" von Nietzsche, der frei von allen Ressentiments ist, auf den "Untermenschen" von Brecht, der voll von Ressentiments ist. Der eine ist auf der Bühne und der andere sitzt lern- und kampfbereit im Zuschauerraum.

Der Überlagerungszustand beider, ist die Performance.


Dazu müsste man noch erwähnen, dass das Theater nicht der Ort ist, von dem Veränderung ausgeht. Diese beruhigende Gewissheit, ist überhaupt die einzige Erklärung für das Wohlbefinden aller, in beiden Rollen.


Jetzt, also gerade in diesem Moment, bin ich in die Rolle des Übermenschen geschlüpft und Sie, die Sie mir versuchen zu folgen, in die des Untermenschen. Ich kann Ihnen ein gewisses Unbehagen nachempfinden, da ich mich selbst für gewöhnlich auch sehr oft in ihrer Situation befinde. Das Unterlegenheitsgefühl des Untermenschen trägt keine Maske und auch kein Kostüm, es wirkt nicht nur echt, es ist echt, während ich eine Maske angelegt habe, um zu ihnen zu sprechen und auch ein Kostüm trage, damit Sie mir nicht glauben müssen. Ich habe quasi eine Entschuldigung für meine Arroganz und Überlegenheit Ihnen gegenüber, Sie dagegen können Ihre Rolle, nämlich die des ‚Untermenschen’, des Vergangenen, des ‚Nichtprophezeiten‘ schwerlich als Rolle verstehen, die Sie im Theater spielen. Sie sind ja gar nicht darauf vorbereitet worden und haben auch gar keinen Text. Ihr Unbehagen und all ihre Ressentiments, die sich jetzt zu einer geballten Faust versammeln, kommen aus der Überzeugung, dass Sie nicht spielen. Sie glauben, dass Sie selbst echt sind.

Bei Gott, das sind Sie nicht. Kein Mensch ist echt. Das ist ja gerade der grosse Spass im Leben. Von dem Moment an, da wir einmal den Gedanken gefasst haben, dass wir gar nicht echt sind und dass gerade das das Menschliche an uns ist, begreifen wir plötzlich all unser neurotisches Gehabe, sogar das aller anderen wird uns so begreiflich. Das führt uns zu der Erkenntnis: Die Menschen, die am echtesten auf uns wirken, haben die besten Rollen. Das können wir Anderen natürlich auch anstreben.