Gedanken zum Licht auf der Bühne


Als das Licht zu Bewusstsein kam...


Wenn man die Arbeit beginnt, hat man vielleicht ein paar Farben, ein paar Situationen im Kopf, mehr nicht.


Die Szene zu „beleuchten“ ist schon seit geraumer Zeit nicht mehr die Aufgabe der Lichtdesigner. Vielmehr haben sie sich mit den unter- oder überbelichteten Aspekten des Stoffes zu beschäftigen, um dem offensichtlichen Gebaren auf der Bühne, weitere Ideen der intuitiven Wahrnehmung zur Verfügung zu stellen.


Als ich meine erste Regiearbeit im offiziellen Spielplan des Meininger Theaters übernahm, hatte ich keine Ahnung von den Möglichkeiten des Lichts auf der Bühne. In gewisser Hinsicht kannte ich nicht einmal den Unterschied zwischen dem Begriff „Licht“, wie wir ihn heute benutzen und dem Begriff „Beleuchtung“, der damals und vielerorts auch heute noch Inbegriff all dessen ist, was wir unter Licht im Theater verstehen.

Der Beruf des Lichtdesigners war damals nicht bekannt, was nur soviel sagt, dass dem Bereich der Beleuchtung keine eigene künstlerische Bedeutung zukam. Es war ein ausschließlich technischer Bereich, besetzt mit Technikern, die in der Lage waren, alle vorhandenen Scheinwerfer dazu zu benutzen, dass das, was wir sehen sollen ausreichend beleuchtet war. In den meisten Fällen handelte es sich also um die Aufgabe, die agierenden Personen ins rechte Licht zu rücken. Niemand wäre auf die Idee gekommen, die Füße Nathans mit messerscharfem, kaltweißem Licht zu waschen, während er die Ringparabel flüstert und sein restlicher Körper im Dunkel verschwindet. Aber selbst wenn, welcher Zuschauer hätte dem Vorfall eine Bedeutung beimessen wollen. Viel eher wahrscheinlich wäre wohl, dass man sich über die schlechte Beleuchtung in so einem erhabenen Moment des Theaters das Maul zerreißt.

Man könnte auch sagen, erst als das Licht zu Bewusstsein kam, konnte es in die Rolle des Erzählers schlüpfen, wann immer wir wollen und diese auch wieder verlassen, um seinen eigenen Hobbys nachzugehen.

Doch auch zu Zeiten des blödsinnigen An- und Ausschaltens von Scheinwerfern, war es bereits in der Lage die Zeit und den Raum zu strukturieren, zu erhellen und zu verdunkeln, die Geschichte durch Atmosphäre zu illustrieren, oder zu zerstören. Es hatte natürlich schon alle Macht, die Licht in unserem intuitiven Verständnis von Wirklichkeit anstrebt, es war bloß nicht bewusst daraufhin erforscht und benutzt worden. Oft ist das Licht ein Zufallsprodukt, der objektiven Gegebenheiten auf der Bühne. Wie viele Apparate welcher Qualität und Lichtausbeute existieren auf der Bühne, wo hat der Bühnenbildner Lücken gelassen, durch die man beleuchten kann? Von welcher Beschaffenheit ist das Material, auf welches unser Licht trifft? Wieviel Nebenlicht, Reflexionen und unberechenbares Licht existiert auf der Bühne? Wo tanzen die Darsteller?

Eine Konzeption für das Bühnenlicht beinhaltet all diese Fragen, weit bevor die Darsteller die Bühne betreten.



Die Arbeit mit dem Unterbewusstsein des Zuschauers


Ein Theater, welches auf die Intelligenz der Sinne setzt, wird sich sowohl mit der Auswirkung von Farbe, Intensität und Veränderung des Lichts auf unsere Wahrnehmung, als auch mit seiner physikalischen Beschaffenheit auseinandersetzen.

Wir gehen natürlich nicht wegen des Lichts ins Theater. Unsere Erwartungshaltung blendet seine Bedeutung geradezu aus. Vielmehr wollen wir sehen, wie der Hamlet gespielt wird. Und gerade dadurch, dass jeder weiß, dass es um Hamlet geht und um nichts anderes, hat das Licht und nebenbei bemerkt, nicht nur das Licht , die Möglichkeit in unser Unterbewusstsein einzutreten und Einfluß auszuüben, auf das was der Zuschauer zu sehen glaubt.


Eine Form des Theaters, die wir Spektralismus nennen, zerlegt Hamlet von vornherein in einen sichtbaren Hamlet, (so wie wir ihn auf der Bühne erwarten), einen Unsichtbaren, (so wie wir ihn kennen, wenn er abgegangen ist) und einen spektralen Hamlet (bestehend aus dem sichtbaren Hamlet, der abgegangen ist, einem leeren Thronsaal, mit dem liegengebliebenen Schatten Hamlets, einem zappelnden bläulich-violetten Lichtstreifen und dem vergifteten Rosenkranz einer Verehrerin aus dem Publikum).

Für den ersteren benötigt man nur einen einzigen Scheinwerfer, für den zweiten gar keinen, aber für den spektralen Hamlet benötigen wir genau 48 Apparate, mit unterschiedlichsten Filtern ausgestattet.


Was ist am „Licht“ so schwierig?


Ich will es euch sagen: es macht, was es will und man muß es zu zähmen lernen.

Licht ist wie ein Virus, überallhin will es sich ausbreiten, sobald man es frei lässt. Es zu erziehen, einzudämmen und zielgerichtet einzusetzen, erfordert einiges Können von dem ab, der es wagt, auch nur einen einzigen Scheinwerfer anzumachen, bevor er weiß, was er mit ihm erreichen will und wie er ihn kontrollieren kann.

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