Das unsichtbare Kreuz

zum Dali-Projekt 2004


"Und der Himmel weinte, als man Jesus ans Kreuz nagelte. " Wenn wir also davon ausgehen, daß es am Morgen der Kreuzigung des Jesus von Nazareth zu regnen begann, so daß sich in der Vertiefung um den Kreuzbalken, also dort, wo er in die Erde gegraben war, eine Pfütze bilden konnte, so sah sich Jesus eine Weile lang selbst und über sich den Himmel, sobald er seine Augen aufschlug. Mit der entsprechenden Halluzination in Verbindung, die zwischen dem Aufrichtung aus Atemnot kurz vor dem Ersticken und dem plötzlichen Zusammensacken in die Erschlaffung des Leibes aufgetreten sein konnte, hätte er in dem Dämmerzustand in dem er sich befunden haben muß, durchaus seine eigene Himmelfahrt als surreale Spiegelbildvision sehen können. Diese Spiegelbildvision führte zur intuitiven Erkenntnis, daß er weder durch das Mitleid der Frauen zu seinen Füßen, noch durch den Akt der Kreuzigung, sondern allein durch seine spurlose Himmelfahrt, den Glauben auf der Welt und damit seine eigene Unsterblichkeit begründen könnte. Und so erlag er der ersten Versuchung und bat den Vater um seinen Aufstieg.


Zum Zeitpunkt der Mittagssonne, da sie direkt über seinem Haupte im Wasser erschien, hing Jesus bereits drei Stunden lang am Kreuz und war damit in der Mitte seines Sterbeweges angelangt, als der helle Schein um sein Haupt im Spiegel, ihm die Vision zukünftiger Anbetung suggerierte und damit etwas vorwegnahm, was die zweite Versuchung genannt werden kann. die Gottähnlichkeit. Diese Vision währte aber nur kurz, da er von dem hellen Spiegellicht derart geblendet wurde , daß er die entkäfteten Lider schließen mußte und in ein Dellirium eintauchte, in dem er etliche Halluzinationen hatte, auf die wir später noch eingehen wollen, da sie ihn in überraschender Weise als Rächer erscheinen lassen.


Als aber die Sonne um drei Uhr nachmittags ihrer Bahn nach die Pfütze verließ, kam ein wohltuender Wind auf, der ihn sanft aus seinem Halbschlaf erweckte und die Wasseroberfläche unter ihm in Bewegung brachte. Was Jesus sah, als er die Augen öffnete, war ein vollkommen weiches Bild seiner Selbst, welches ständig in Bewegung war, daß es ihm schien, als würde er sich unaufhörlich auflösen und wieder neu zusammensetzen. Ihm wurde schwindlig davon und er mußte seine Augen wieder schließen, wodurch ihm die Vision dreier Frauen erschien, die sich ihrer Gewänder vollständig entledigt, scheinbar schlafend zu seinen Füßen befanden. Ihre Körper waren mit daumendicken Nägeln durchstoßen und ihr Fleisch mit tiefen Spalten durchzogen, die im inneren weich, blutrot und ebenso feucht glühten. Er selbst trug ihre Augäpfel in seinem Mund und ließ sie sanft von einer Seite auf die andere gleiten, während er sie mit der ausgetrockneten Zunge genüßlich massierte. Diese Vision sollte bis zu seinem Tode anhalten, während der Vater ihn bereits aus dem Lichte nahm, dunkle Wolken sein gemartertes Haupt überzogen und ein Skorpion, dessen Stachel steil und brennend in die Tiefe ragte, in der unteren Nähe seines Bauchnabels langsam und verzehrend Besitz von ihm ergriff. In diesem Moment erlag er der dritten Versuchung.

Anmerkung 1

(In seinen letzten Stunden, wird Jesus durch die Analogie zu Narziß gefoltert und wird damit die vollkommene symbolische Darstellung des Niedergangs des Glaubens durch die Eitelkeit des Menschen, der sich gottesgleich wähnt. Was Wunder, daß Jesus in diesem Moment an Gott zweifelte, indem er seine letzten Worte: "Vater, warum hast du mich verlassen" ausstößt und kurz darauf für tot befunden wird.)


Anmerkung 2

(Wenn allerdings Jesus in Wirklichkeit so weich war, wie sein Spiegelbild in jener Pfütze unter dem Schwebebalken, so muß es nicht mehr als Wunder erscheinen, daß er über das Wasser laufen konnte. Wahrscheinlich müssen wir eher die große Qual und Zerrissenheit erkennen und hochachten, die ihn peinigte, solange er auf Erden wandelte, um uns ein festes Erscheinungsbild fortwährend von sich zu liefen, um nicht in seiner Sächlichkeit erkannt und entdeckt zu werden, die eigentlich sowieso niemand außer Zweifel stellte.)

Der schlüssel zum gekreuzigten jesus, der sich in einer wasserfläche spiegelt und in dieser position als weich betrachtet, ist außer den drei visionen, die jesus während der zeit am kreuze heimsuchen, auch die darstellung Dali`s impotenz- und kastrationsangst. (gottesgleich und doch zu weich)

dieses bild entspricht weniger der angst vor dem tode, als der vor entdeckung seiner schwäche. eine analogie zum freudschen nachttisch mit geschlossenem türchen.


Der Nachttisch Siegmund Freuds

In einigen Gemälden DALIs ist Siegmund Freuds Nachttisch abgebildet ( z.B. in "Weiche Konstruktion mit gekochten Bohnen - Vorahnung des Bürgerkreiges" 1936 oder "Die Entwöhnung von der Möbelnahrung" 1934) und dann gibt es noch ein paar Variationen dazu. Freuds Nachtisch verfügt über eine kleine obere Schublade und ein großes unteres Fach, dessen Türchen aber ab und an fehlt, oder ganz woanders auftaucht. Im geschlossenen Zustand können wir davon ausgehen, daß Freud gerade drin sitzt und sich fürchtet. Eine geschlossene Tür steht unwiderstehlich für die Angst entdeckt zu werden. In der oberen Schublade, die meistens halb offen steht, befindet sich unser Denken, heimliche Wünsche und unser kriminelles Potential.

Möglicherweise wechselt man auch fortwährend von oben nach unten. Das Ausgeliefertsein, die Hilflosigkeit und der Augenblick kurz vor dem Verrat der eigenen Ideale wird durch das Fehlen der Tür vor dem unteren Fach dargestellt. Der Tod und der Neubeginn werden durch eine durchbrochene Rückwand angezeigt, durch deren Auslassung man auf jedwede Form der Ursache stoßen kann. Das Nachtschränkchen, Aufbewahrungsort aller Geheimnisse ist so durchlässig wie ein offenes Schlüsselloch geworden und man kann durch die Nebel der Ungewissheit hindurch auf die andere Seite schauen. Was man dort erblickt hat die Kraft einer Vision, die nur durch ihren physikalischen Schatten an das hier und jetzt gebunden ist.


Anmerkung 1

Freud hat sich mitunter tagelang in seinem nachtschränkchen versteckt, um nicht gestört zu werden, aber auch um ungebetenem besuch auszuweichen.Das ist nur zu gut zu verstehen und wer kennt das nicht. Aber, und das ganz ohne neugier, was hat er um himmels willen die ganze zeit in seinem nachtschränkchen gemacht?


Die brennende Giraffe


"Das unsichtbare Kreuz" und "Der Nachttisch Siegmund Freuds" sind in sexueller Hinsicht Gegenbilder zur brennenden giraffe:

Brennende türme sind weithin zu sehen und bedeuten gleichsam ein signal , welches über viele kilometer hinweg zu sehen ist. Wollte man jemanden zu hilfe rufen oder nur eben bedeuten, daß es jetzt soweit ist, was auch immer gemeint sein könnte, so zündet man eine giraffe an und ist augenblicklich in den zustand der erwartung von besuch versetzt.

Desweiteren steht sie für die idee aus dem dunklen, violetten unterbewußsein. sobald sie zu brennen beginnt, hört es damit auf, daß sie verstanden wird, aber dafür können wir sie gut sehen.

der fest und steif aufgerichtete hals der giraffe im moment des entzündens, kann außerdem für den moment des höchsten empfindens stehen, bei dem die gedanken aussetzen und man nur noch die gesundheit der in diesem fall männlichen natur schaut. alles in allem also ein bild der sehnsucht Dalis nach sexueller kraft. Daß Dali keine menschliche figur, oder einen baum zum brennen brachte, weist darauf hin, daß es zweifelsfrei um das tierische, vernunftsbefreite, instinktive und unkontrollierbare geht. Die giraffe selbst ist aus dem in der natur zur verfügung stehenden tierischen wesen eindeutig das höchste, gestreckteste und damit im augenblick des entzündens, das leuchtendste exemplar seiner männlichen erektionssehnsucht.

möglicherweise ist der hochbeinige elefant, den wir von ihm kennen, ein symbol der potenzierung dieser kraft, die sich aus bis zur giraffenhöhe skalierter natürlicher gesundheit und kraft zusammensetzt.



Der brennenden giraffe werden wir im "Labyrinth" wiederbegegnen, der spiegelvision im "Abendmahl" und dem nachttisch freud`s in "Freuds Nachttisch"

18 Ansichten

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Erinnern und Bedeutung

Ein Nebeneffekt der Aufbewahrung von Irgendetwas in einem Raum, den wir Museum nennen ist, das Anwachsen seiner Bedeutung in den Augen des Besuchers, unabhängig davon, ob er sie erkennt oder nicht. Ma

Das Schicksal des halben Mannes

Mich besuchte einmal ein halber Mann, der hatte alles nur halb, was andere ganz hatten, und er war verzweifelt über sein Geschick und klagte mir seine Not. Da riet ich ihm, halb aus Mitleid, halb von

Joshua, der Bote

Als Joshua vermeldete, dass ein gewaltiger Sturm aufziehen würde, wurden die Tore geschlossen und die Fenster vernagelt. Durch keine Ritze der Burg sollte das Unwetter jemals Einlass bekommen und so v